Unter den Bäumen: Die Geschichte des Forchheimer Kellerwalds
Stellt euch vor: Ihr seid Pilger im 16. Jahrhundert und macht im Hochsommer eine anstrengende, oft schweißtreibende Wallfahrt zur Heiligen Anna und habt richtig Durst. Ihr kommt durch einen Wald – dunkel, kühl, schattig – und wie es der Zufall will lagert genau hier der Biervorrat Forchheims. Was ein Zufall
Das ist im Grunde die ganze Geschichte des Forchheimer Kellerwalds. Nicht besonders dramatisch am Anfang, aber mit Folgen, die bis heute nachwirken. Denn aus diesem einfachen Zufall entstand einer der magischsten Orte Frankens – ein Ort, der Generationen von Menschen zusammenbringt und wo bis heute die Tradition lebt.
Der Anfang: Pilger, Durst und die erste Idee
Die Heilige Anna wurde im Mittelalter und der frühen Neuzeit sehr verehrt. Um den 26. Juli jeden Jahres machten sich Gläubige aus Forchheim auf den Weg zur Annakapelle in Unterweilersbach, um ihr Respekt zu erweisen und um ihren Segen zu bitten.
Der Weg dahin war lang, der Rückweg gefühlt noch länger – und wer von der Kapelle nach Forchheim zurückkam, der brauchte dringend etwas zu trinken. Im Forchheimer Kellerwald gab es nämlich schon lange vor dieser Geschichte unterirdische Gänge und Höhlen im Felsgestein, die sich natürlich im Rhätsandstein gebildet hatten.
Die findigen Forchheimer haben schnell erkannt: Die Luft in diesen Gängen ist kontinuierlich kalt, egal ob im Sommer oder im Winter. Perfekt zum Lagern von Bier! Die Kellergänge wurden also zum natürlichen Kühlhaus – lange bevor es Eismaschinen oder Kühlschränke gab.
Die Entstehung des Kellerwalds: System statt Chaos
Um 1691 begann man systematisch, diese Naturkeller auszubauen. Es ging nicht mehr nur um ein paar Höhlen – es wurde ein ganzes System geschaffen. Felsenkeller wurden in zwei Ebenen übereinander angelegt, untereinander verbunden, mit Belüftung und Drainage versehen. Das war echte frühe Ingenieurskunst!
Der Forchheimer Kellerwald erstreckt sich heute über etwa 20.000 m² Fläche. Im Untergrund hat sich ein unterirdisches Labyrinth entwickelt– mit Hunderten von Metern an Gängen, die teilweise noch heute zu sehen sind.
Der Bierkeller entsteht: Vom Lagerplatz zur Gaststätte
Jetzt kommt der logische nächste Schritt: Wenn man schon Bier lagert, warum nicht auch hier trinken? Die Wallfahrer und die Einheimischen kamen zusammen und stellten Bänke und Tische auf – direkt neben den Felsenkellern, unter den großen Eichen des Waldes.
Aus dieser praktischen Lösung wurde eine gelebte Tradition: Man traf sich im Kellerwald, trank Bier, aß gemeinsam, genoss die kühle Luft und die Geselligkeit.
Die Redewendung „auf die Keller gehen“ – die ist kein Zufall! Sie kommt daher, dass man buchstäblich auf die Keller ging – zu den Orten, wo sich oberirdisch die Bierkeller befanden und unterirdisch die Lagerkeller die Biere kühl hielten. Man sitzt also wortwörtlich auf den Kellern
Die Struktur des Kellerwalds heute
Wenn ihr heute im Kellerwald spaziert, seht ihr etwas Besonderes: Es gibt da nicht einfach „einen“ Keller. Es gibt 23 einzelne Bierkeller, jeder mit seiner eigenen Geschichte, seiner eigenen Familie, seinen eigenen Traditionen. Manche wurden vor über 300 Jahren geggraben
Aber alle funktionieren nach dem gleichen Prinzip, das vor über 330 Jahren erfunden wurde:
- Die Lagerkeller unten: Hier lagert das Bier, hier ist es das ganze Jahr über konstant 6-10°C kalt. Eine natürliche Klimaanlage!
- Der Bierkeller oben: Hier sitzt ihr, esst, trinkt, genießt die kühle Luft unter den alten Bäumen.
- Die Verbindung: Alles ist miteinander verbunden – nicht nur physisch durch die Gänge, sondern auch durch die gemeinsame Geschichte und Tradition.
Das war übrigens auch der Grund, warum der Kellerwald zum perfekten Ort für das Annafest wurde: Natürliche Kühlung für Bier und andere Getränke, ein kühler schattiger Ort zum feiern und eine Atmosphäre, die man künstlich gar nicht schaffen könnte.
Warum der Kellerwald so besonders ist
Der Kellerwald ist nicht einfach irgendein Platz. Es ist ein Ort, an dem sich Natur, Geschichte und Kultur treffen.
Die Eichen stehen dort seit Generationen. Der Sandstein unter den Füßen ist Millionen Jahre alt. Die Kellergänge wurden von Hand in den Stein geschlagen. Und über all dem schwebt die Geschichte von Pilgern, Brauern, Wirten und Gästen, die hier saßen – vor über 330 Jahre.
Wenn man im Kellerwald sitzt und ein kühles Bier trinkt, sitzt man nicht nur auf einer Bank – man sitzt in der Geschichte. Man sitzt genau dort, wo tausende Menschen vor einem saßen. Man trinkt Bier, das in den gleichen Kellern gekühlt wird, die schon die Urgroßeltern geschätzt haben.
Das ist nicht romantisches Geschwätz – das ist echte Kontinuität.
Fazit: Der Kellerwald ist ein kulturelles Erbe
Der Forchheimer Kellerwald ist ein Beispiel dafür, wie aus einer einfachen praktischen Lösung eine Tradition entsteht. Aus dem Wunsch nach kühlem Bier wurde ein Platz, an dem Menschen sich treffen, feiern und zusammenkommen.
Es funktioniert, weil es echt ist. Weil Menschen immer wieder zurückkommen. Weil Familien ihre Kinder mitbringen und zeigen: „Hier bin ich auch schon mit meinen Eltern gesessen.“
Das ist der Kellerwald: Ein Ort, an dem Geschichte lebendig wird.

